Analoge Fotografie und die Frage: warum tue ich mir das eigentlich an!?

Seien wir doch mal ehrlich – eigentlich ist das doch nostalgischer Mist. Wie jede andere heute veraltete Technologie. Um vielleicht mal als Beispiel das Fernsehen zu nennen: möchte in Zeiten von HDR und 4K ernsthaft noch jemand einen alten Camping-Fernseher in Schwarz-Weiß haben, mit einer Stabantenne, die in einer völlig irrsinnigen Position ausgerichtet werden muss und…

Hier ist so ziemlich alles schiefgegangen: ein Adox CMS 20 II – falsch belichtet, daher als Kompensation überentwickelt, brachte leider nichts, und dann vor dem Einscannen auch noch auf den Teppich gefallen. 


…ihr bestes Signal trotzdem nur dann abgibt, wenn sie jemand festhält? Den menschlichen Körper als Verstärker für die Antenne klappte ja auch erstaunlich gut, man musste nur halt in einer unbequemen Position verharren und das kribbeln in den Fingern aushalten. Selber mitgucken war dann halt etwas unbequem. Und wenn das Signal tatsächlich stabil war, konnte diese alte Kiste trotzdem nur SW ausgeben und der Lautsprecher krächzte eher, als dass er wirklich klang. Keine Nostalgie dieser Welt kann solch veraltete Technologie verklären. Warum also noch analog fotografieren? Die Bildqualität eines C41 Films ist selbst im Vergleich zu einer modernen Mittelklasse Smartphone Kamera so, wie sich eine VHS-Kassette zu einer BluRay-Disc verhält. Oder mal eben den ISO-Wert ändern, weil es die Lichtbedingungen verlangen? Bei Analog ist das nicht möglich, da ein ISO200 Film auch nur mit ISO200 belichtet werden sollte. Und dann das Limit von 36 Aufnahmen. Meistens ist es doch so: entweder man hat 30 gute Bilder gemacht, hat dann aber noch 6 über, bevor man den Film entwickeln kann. Also wartet die Kamera die nächsten Wochen im Schrank auf das nächste Shooting. Was ziemlich unpraktisch ist, wenn man die Bilder schnell braucht. Oder man muss den Rest der freien Bilder sinnlos verknipsen. Ich ziehe meist das letztere vor. Meine Güte, wie viele sinnlose Restbilder habe ich schon gemacht, nur um den Film entwickeln zu können! Und schlimmer ist es noch, wenn sich vielleicht 45 gute Bilder ergeben. Das heißt, bei der nächsten Rolle – wenn man sie denn überhaupt dabei hat – wurden 10 von 36 Bildern belichtet, das Projekt ist aber bereits beendet.
Oder die Kosten: ein guter Film kostet schon mal 5€ alleine. Dia-Filme sind bei 15€ angekommen. Nur der Film, ohne Entwicklungskosten. Die günstigen (und sehr empfehlenswerten!) Fomapan 100 kosten immerhin noch ca 3,50€. Das klingt vielleicht erstmal nicht so schlimm, aber es sind ja nur 36 Bilder und es kommen eben noch die Entwicklungs- und Scankosten hinzu. Denn was ein vernünftiger Scanner so kostet, da will ich gar nicht erst mit anfangen. Natürlich kann man selbst entwickeln, zumindest bei Schwarz/Weiß ist das recht kostengünstig und unkompliziert – aber es kann so viel schiefgehen.

Eine 35mm Filmrolle.
Bild: freestocks.org

Denn ich bin ein Meister der Missgeschicke – vom Prinzip er kriege ich es hin, einen Film zu entwickeln, meine Quote liegt bei immerhin 90%. Ich muss mich halt konzentrieren und sorgfältig arbeiten. Aber ich bekomme immer wieder unterschiedliche Problemchen im fertigen Negativ – unerklärliches Runzelkorn, Staub, Kratzer. Natürlich manchmal auch eigene Doofheit: das Verrechnen bei der Menge des Entwicklers, fehlgeschlagene Experimente mit Push/Pull, oder mir fällt ein frisch entwickelter Film einfach auf den Teppich und ist damit hoffnungslos verstaubt. Und teilweise bin ich auch froh, dass es ein Film überhaupt zum Entwickeln geschafft hat. Denn abgesehen davon, dass ich mit meiner Schusseligkeit es auch mal hinbekomme, nur zu glauben dass in der Kamera ein film eingelegt ist (spätestens bei Bild 40 merke ich dann, dass irgendwas nicht stimmt…), hat mir die unzuverlässige Technik oft genug einen Strich durch die Rechnung gemacht. Da spinnt der Filmtransport plötzlich rum. Oder der Film verhakt sich. Oder das automatische Rückspulen lässt mich durch plötzlich Arbeitsstop glauben, sie wäre schon fertig (war sie nicht, vielen dank auch!).
Eins meiner besten Street Fotos überhaupt ist gar nicht zustande gekommen, weil der Filmtransport einer alten Voskshod Rangefinder aus dem Sowjetreich nur so getan hat, als würde sie funktionieren. Überhaupt, die Russenkameras – ich habe nicht eine, die verlässlich funktioniert. Sind tausende kaputte KMZ Zenit der Sowjets Rache an den Westen, weil die Sowjetunion untergegangen sind? Und dann noch der Zeitfaktor. Es dauert alles so lange. Wochen, bis ein Film „voll“ ist. Bis ich erst die Zeit habe, ihn zu entwickeln. Und dann noch das einscannen. Als Vollzeitkraft im Schichtdienst ist Zeit schlicht ein Luxus.

Also, warum tue ich mir diesen ganzen nostalgischen Unsinn an? Ich besitze viele großartige digitale Kameras, vom M43 über APS-C bis hin zu Vollformat. Als Fotograf kann ich mich digital schneller und günstiger austoben. Wenn ich einen Fehler mache, kann ich den sofort erkennen. Ganz zu Schweigen von High-ISO Performance, Autofokus, HDR etc. Die beste analoge Kamera aller Zeiten kann mit Digital nicht mithalten.
Doch dann nehme ich eine Canon AE1 in die Hand. Und fühle dieses massive, unfassbar gut aussehende Ding von einer Kamera, die sich ganz anders anfühlt als alles andere, was das moderne digitale Zeitalter der Fotografie anzubieten hat.
Und dann schaue ich durch diesen fantastischen großen hellen Sucher, durch den die Welt ganz anders aussieht. Keine meiner anderen digitalen Kameras hat einen Sucher, der mit dem der AE1 mithalten kann. Keine meiner digitalen Kameras sieht so aus, wie die AE1. Keine meiner digitalen Kameras kann mit der Haptik der AE1 mithalten. Ich wurde schon oft von Passanten auf die AE1 angesprochen, was das denn für eine geile Kamera wäre – mit meiner Sony A7II ist mir das noch nie passiert.
Oder das Auslösegeräusch, einfach unbeschreiblich! Und als finales Glück, so als Bonus oben drauf, der Filmspannhebel, um das nächste Foto möglich zu machen. Das ist übrigens mit eines der tragischsten Dinge, die beim Wechsel zu mehr Automatiken und Digital verloren gegangen sind – die Filmspannhebel sind ausgestorben.
Und das wird es wohl sein, warum ich trotz aller Rückschläge und Ärgernisse immer noch so gerne analog fotografiere. Es ist natürlich nicht nur der Filmspannhebel. Die analoge Fotografie ist heute ein Erlebnis. Es geht nicht unbedingt nur um das beste perfekte Foto oder das schönste Motiv. Es geht darum, heraus zu gehen und die Freude zu spüren an der Haptik und der Simplizität dieser alten Kameras.
So eine Zeitautomatik wie die der AE1 ist schon toll und das möchte ich dann doch als Kompromiss haben. Aber moderne Kameras sind so vollgestopft mit Features und Optionen, dass es schon ein Overkill ist. Denn bei so einem Übermaß an Möglichkeiten ist die Vielfalt eigentlich eine Begrenzung, während die Begrenzung durch die Simplizität der alten Kameras schon wieder befreiend ist.

Die vielleicht beste Kamera aller Zeiten: die Canon AE1P.
Bild: 
littlevisuals.co


Wenn ich eine Kamera entwerfen würde, hätte sie außer der Steuerung der Grundfunktionen wie Blende, Verschluss und ISO höchstens noch einen Zeitautomat und vielleicht  auch einen AF, denn man trotzdem noch ausschalten kann. Und natürlich würde sie sich optisch und haptisch eng an der Canon AE1 orientieren. Also, wenn jemand fragt, warum Film? Drückt der Person einfach eine AE1 in die Hand! 🙂

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